Mein Kartenlegen Fortsetzungsroman: Versunkene Träume

Kapitel 8 Versunkene Träume bei Mein Kartenlegen

„Darling, kommst du bitte runter?“

Jossis Gatte hatte wieder diesen aufgesetzten Ton, der sie so nervte. „Darling“, als ob er ein englischer Landedelmann wäre. Tatsächlich war es das, was Roland sich in seinem Leben am meisten gewünscht hätte: ein englischer Landedelmann zu sein. Jossi konnte sich das bildlich vorstellen: er, Roland, in Tweed-Jackett und Gummistiefeln, gelassen über den gepflegten Rasen seines überaus großen und mit Eichen bestandenen Anwesens irgendwo im englischen Hinterland schlendernd, und an der Hand, fröhlich plaudernd… Camilla!

Versunkene Träume Kapitel 8 - Der esoterische Fortsetzungsroman

Jossi war eine betrogene Ehefrau. Eine von vielen, wenn man der Statistik glaubte. Fünfunddreißig Prozent aller Ehefrauen und fünfzig Prozent aller Ehemänner gingen fremd, sagte eine unabhängige Studie des deutschen Meinungsforschungsinstituts FORSA. Und sie, Jossi, war leider mit einem dieser fünfzig Prozent verheiratet. Mist, warum hatte sie nur einen aus der falschen Hälfte gewählt? Hätte es nicht einer von den fünfzig Prozent Braven sein können? Oder waren auch die anderen fünfzig Prozent gar nicht so brav, sondern nur – verlogen?

Wer weiß schon, ob Leute, die bei einer Meinungsumfrage befragt werden, auch die Wahrheit sagen. Wahrscheinlich haben die schlimmsten Fremdgänger gar nichts zugegeben, sondern sich im Gegenteil als die vorbildlichen Gatten und Familienväter präsentiert. Man kennt ja diese Heuchelei. Immerhin darin war Roland anders: er ging fremd, aber er log nicht. Genauergesagt, ging er bekannt.


Camilla gehörte zu seinem Leben, wie Hubertus und Jossi zu seinem Leben gehörten, wie der Messingknauf an der Tür seiner Kanzlei und diese verstaubte alte Villa auf der Röchlingshöhe in Völklingen, die sie zuerst todschick fand, und in der sie sich allmählich aber unendlich langweilte. Die „Röchlingshöhe“, dieser Name hatte eine bewegte Geschichte. Es gab eine ausgedehnte Debatte im Saarland über die Benennung dieses Viertels, da dessen Namensgeber, der Industrielle Hermann Röchling, eine politische Vergangenheit hatte, von der man sich distanzieren wollte.

Jossi in ihrer Skorpion-astrotypisch direkten Art hätte gesagt: weil er ein Nazi war, zu einer Zeit, als das fast alle waren. Wie auch immer, man wollte diesen Namen abschaffen und das Viertel umbenennen, siebzig Jahre nach dem Krieg, so als ob die Erinnerungen an eine schlimme Zeit damit vergessen wären, wenn ein Straßenschild ausgetauscht würde. Jossi selbst hat den Rummel um diesen Namen nie mitgemacht. Für sie war ihre Wohngegend immer „die Röchelhöhe“, weil hier, mit Ausnahme einiger Neureicher – die Schickimickis, wie der Volksmund sagte – nur Senioren mit schlechter Gesundheit wohnten. Senioren wie Elfriede Schröter, ihre Nachbarin.


Frau Schröter war die Witwe eines Kaffeeunternehmers aus Kleinblittersdorf und verbrachte ihre offenkundig überbordende Freizeit damit, mit dem Feldstecher am Fenster zu stehen und zu sehen, was die Nachbarschaft so treibt. Ungeheuerliche Dinge sah sie da. Und sie wusste natürlich alles! Sie wusste, wann Josefine ausging. Wie viele Paar Schuhe sie kaufte. Wann ihr Gatte nach Hause kam. Wie es mit ihrer Ehe bestellt war. Eigentlich, dachte Jossi bitter und mit einem Anflug von Selbstironie, sollte sie besser Elfriede Schröter anrufen, wenn sie wieder mal einen guten Rat für ihr Leben brauchte, und nicht die Expertinnen Venus oder Stella von der esoterischen Hotline www.mein-kartenlegen.de.

Elfriede hatte zwar absolut keine Ahnung von den Sternen und hielt astrologische Begriffe wie Zodiak, Aszendent und Meridian sicher für exotische Früchte, doch sie war die inoffizielle Bildzeitung des Viertels. Bestens informiert und eloquent. Jedoch, das war verschmerzbar: Elfriede Schröters gibt es bekanntlich überall. Was es nicht überall gibt, ist das Glück. Das Glück, was ist es? Was ist überhaupt Glück? Ist Glück ein Verdienst oder ein Geschenk, ist es Schicksal oder kalkulierbar? Jossi hatte kein Talent für die Erörterung solcher philosophischer Fragen. Das Glück, es war nicht materiell. Und es war offensichtlich immer da, wo man gerade nicht ist. Sie wusste nur: sie war nicht glücklich in dieser Ehe...

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