Mein Kartenlegen Fortsetzungsroman: Versunkene Träume

Kapitel 19 Versunkene Träume bei Mein Kartenlegen

„Sie sind also Frau Manger?“
Jossi nahm unsicher auf dem Stuhl gegenüber dem Beamten Platz, mit einer ängstlichen Scheu, die einer das Schicksal herausfordernden Skorpion-Frau unähnlich sah und nur der Situation geschuldet war. Ihr war gerade gar nicht nach Sharon Stone zumute, auch wenn ihr lockiges, feuchtes Haar im Nacken noch dezent nach Chanel Nr. 5, dem klassischen Parfum der Verführerinnen duftete.


Sie schlug ihre Beine übereinander und bemühte sich krampfhaft, ihre Gedanken zu ordnen: dies war ein amtliches Verhör, und genauso fühlte es sich an. Die Luft in der Wachstube der Polizeidienststätte war zum Schneiden; ein Ventilator surrte unangenehm laut und verquirlte schwerfällig die verbrauchte Luft, wie man zähen Teig rührt. Graue Wände starrten sie an. Jossi fühlte sich wie eine Angeklagte, doch war sie Zeugin.

„Nein, ich heiße nicht Manger. Ich heiße Dubouchard.“
„Aber Sie sind doch mit Herrn Manger verheiratet?“
Der Beamte schielte stirnrunzelnd auf einige Papiere und schaute dann ungläubig zu Jossi hin. Jossi erklärte ihm, dass sie nach der Ehe ihren Mädchennamen behalten hatte. Damals – vor zwanzig Jahren – war das ein revolutionärer Akt gewesen, heute ist es ganz alltäglich. Der Beamte lächelte zum ersten Mal und blickte Jossi direkt an. „Ach so! Mein Bruder hat den Namen seiner Ehefrau mit hinzugenommen.

Er heißt jetzt Müller-Molitor.“ Was ist das für ein Unsinn, schoss es Jossi durch den Kopf. Molitor heißt auf Latein Müller. Herr Müller-Molitor heißt also Müller-Müller. Da wäre er doch lieber bei einem Namen geblieben. Sie selbst hatte ihren Namen damals nur deshalb nicht geändert, weil „Manger“ schlechter klang als Dubouchard. Zwar sprach man im recht frankophonen Saarland den Namen Manger oft französisch aus – „Mong-shee“ – doch was war schon ein „Mong-shee“ gegen den Wohllaut ihres eigenen Namens Dubouchard? Auch hatte Jossi ihrem Gatten diese ganze Mong-shee-Geschichte noch nie geglaubt.

Roland hatte stets mit Stolz behauptet, ein Nachfahre einer ehemals adligen, vertriebenen Hugenottenfamilie aus Frankreich gewesen zu sein. Dabei war sein Großvater ein kleiner Schuster aus St. Ingbert. Jossi dachte stets, dass Roland aufschnitt, um sein Ego aufzupolieren und über seine Herkunftsgründe hinweg zu spielen, die ähnlich bescheiden waren wie ihre eigenen.
Versunkene Träume Kapitel 19 - Der esoterische Fortsetzungsroman

Doch jetzt, als sie in dieser kalten und unpersönlichen Amtsstube saß, zum Protokoll gab, was sie wusste, wäre ihr ein lebender Roland mit all seinen kleinen Aufschneidereien lieber gewesen. Roland! Noch vor einer Stunde hatte sie ihn, gemeinsam mit ihrer Freundin Strada, in den Orkus aller ehebrecherischen Gatten gewünscht. Jetzt war er wahrscheinlich da.

Vielleicht in einer besseren, aber vielleicht auch in einer weitaus schlechteren Welt. Im Andersland. Im Nirgendwo. Im Jenseits. Les jeux sont faites. Tot auf dem Grund ihres heimischen Swimmingpools, und sein Kanzleipartner Hubertus Feist trieb daneben im Wasser. Während sie telefonierte, war ein obskurer Doppelmord geschehen. Und nichts in der Welt hatte sie davor gewarnt, außer ihre eigenen Träume, auch nicht die begabte Hellseherin und Astrologin Venus von www.mein-kartenlegen.de , die sie regelmäßig anrief.


Vielleicht war ein Mord auch einfach zu viel für eine Hellseherin – und das hier waren zwei. Immerhin hatte sie es geschafft, in wilder Fahrt dem mutmaßlichen Einbrecher zu entkommen, der sie verfolgte, und es irgendwie auf die Polizeiwache zu schaffen, obwohl ihr Kopf sich drehte wie ein Brummkreisel. Jossi atmete tief ein und nahm all ihre Kraft zusammen, sie konzentrierte sich. „Haben Sie nun etwas über den Täter herausgefunden?“, fragte sie den grauen Beamten Müller mit einem Rest von Selbstbeherrschung.

Er musterte sie gewissenhaft von oben nach unten, wie mit einem Radar. Jossi dachte daran, wie lächerlich sie gerade jetzt aussehen musste, mit Pumps und einem unpassenden Mantel, den sie in der Schnelle vom Garderobenhaken gerissen hatte, und nichts darunter an als einem Bikini. Der Beamte hielt sie offenbar für eine arme, aber interessante Irre. Von ihrem Verfolger im grauen Citroen mit der Dagobert Duck-Maske erzählte sie vorsorglich nichts. Ihr Gegenüber nickte: „Die Spurensicherung war schon da. Der Fall wird jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben. Im Moment können Sie zu ihrer eigenen Sicherheit nicht dorthin zurückkehren. Haben Sie gute Freunde?“ Jossi überlegte…

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