12. Tarotkarte: Der Gehängte

Das mystische Tarot: Der Gehängte

Wie sieht die Welt aus, wenn man sie auf dem Kopf stehend betrachtet? Die zwölfte Karte im Tarot, der „Gehängte“ (in alten Kartendecks auch „der Pagat“) zeigt eine männliche Figur, die an den Füssen festgebunden von einem Galgen oder an einem Baum hängt und kopfüber die Welt betrachtet. Im alten Tarot de Marseille hat diese Figur zudem das eine Bein abgewinkelt, so dass es aussieht, als formten die Beine eine Art Dreieck.

Diese ungewöhnliche Körperhaltung ist keine Yoga-Übung, auch wenn sie vielleicht so aussieht, sondern sie repräsentiert die geistige Verfassung einer völlig neuen Perspektive auf die Welt. Es ist die Geisteshaltung des skandinavischen Gottes Odin, der von der Weltesche Yggdrasil hängt und auf diese Weise, auf dem Kopf stehend, zur Erleuchtung kommt, nachdem er genauestens beobachtet hat, was in den drei Welten – der Götterwelt, der Menschenwelt und der Unterwelt – vor sich ging.

Es ist auch die Geisteshaltung eines Buddhas, der unter dem Boddhi-Baum zur Erkenntnis über alle Leben, vergangene und zukünftige, gelangt und die Kette der Wiedergeburten durchbricht. Diese Karte im Tarot will uns sagen, dass wir jetzt ein für allemal aufhören sollten, die Dinge so zu betrachten, wie man es uns in der Schule und im Elternhaus vermittelt hat, und dass wir stattdessen einen unvoreingenommenen Blickwinkel einnehmen sollten, der uns mehr Informationen über wirkende verborgene Motive und Geschehnisse gibt. Modern ausgedrückt: raus aus der Matrix!


Als Ereigniskarte gezogen, weist der Gehängte im mystischen Tarot darauf hin, dass wir bald mit einem Außenseiter in Verbindung treten, der unsere Denkwelt auf überrachende Weise erweitert. Vielleicht treffen wir einen Fremden und werden in ein aufregendes Gespräch verwickelt, das uns die Augen öffnet über etwas, was uns bisher verborgen war? Auf jeden Fall erfahren wir bald etwas, was außerhalb unserer bisherigen Erfahrungsdimensionen lag und erkennen mehr als zuvor. Auch kann diese Karte ein Hinweis darauf sein, dass wir dem Exotischen mehr Bedeutung geben und es nicht ablehnen sollten.

Die Zahl Zwölf steht in der Kabbalah zudem für die Vollendung, und die Vollendung heißt nicht unbedingt Perfektion, so wie wir uns das vorstellen – als einförmige Harmonie, sondern oft auch die Integration des Ungewöhnlichen, Unpassenden und scheinbar Unmöglichen, des so genannten „Schattens“ in der Psychologie. Wenn wir es lernen, uns selbst mit unseren ungewöhnlichen und verrückten Anteilen anzunehmen, die der Gehängte im Tarot symbolisiert, wird unser Blick auf die Welt – und auf uns selbst – voller und ganzheitlicher.


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