20. Tarotkarte: Das Jüngste Gericht

Das mystische Tarot: Das Jüngste Gericht

Wer kann den Sinn dieser fantasievollen Karte entschlüsseln, ohne auf alte Mythen zurückzugreifen? Die Nummer Zwanzig des mystischen Tarots heißt „das Gericht“ oder „das Jüngste Gericht“, in manchen Karten-Decks auch „der Engel Gottes“, und diese Namensgebung ist Programm. Das Bild spielt ganz eindeutig auf den Engel der Apokalypse des Johannes an, welcher, der Bibel zufolge, am so genannten jüngsten Tag die Toten aufwecken wird, damit sie aus den Gräbern auferstehen und sich zum jüngsten Gericht begeben, wo sie gerichtet werden für all ihre Taten. Viele Tarot-Decks wie das Tarot de Marseille zeigen ganz deutlich die Toten, Männer, Frauen und Kinder in ihren Leichentüchern, die sich aus offenen Särgen bewegen und sich dem Schall der Engels-Trompete zuwenden, mit fröhlichem oder mit sorgenerfülltem Gesicht.

Der Mythos, der hinter der Johannes-Offenbarung von den Rechtfertigung der Toten steht, ist jedoch noch viel älter und reicht in die vorchristliche, ägyptische Tradition zurück, wo es ebenfalls ein Totengericht gab, welches vom Gott Theut geleitet wurde, der die Verstorbenen rituell verhörte, was sie in ihrem Leben getan haben und ob sie gegen Regeln verstoßen haben. Die Karte des Gerichts wird deshalb auch meist so interpretiert, dass der Ratsuchende zur Rechenschaft gezogen wird für etwas, was er getan oder auch unterlassen hat.

Es gibt eine spiegelbildliche Beziehung zur Karte Numero Acht (Gerechtigkeit), doch während die Gerechtigkeit sich auf weltliche Gerechtigkeit, irdische Gesetze und Normen bezieht, hat die Karte Zwanzig (das Gericht) ganz klar eine geistige, spirituelle und karmische Bedeutung, denn die Gerechtigkeit, um die es hier geht, reicht über die Normen und Gebote der Menschen hinaus und reicht hin bis zur kosmischen Gerechtigkeit, die von Generation zu Generation, von Verkörperung zu Verkörperung weiter gegeben wird.


Das Gericht als Ereigniskarte ist die karmische Karte schlechthin und konfrontiert uns mit unangenehmen Fragen: was hast du getan, damit dir dieses geschieht? Wo liegt deine Mitverantwortung für das, was du gerade erlebst? Hast du jemandem Unrecht getan und wird dies das gerade irgendwie vergolten, während du dich selbstgerecht als Opfer betrachtest? Diese Karte weist jedoch auch darauf hin, dass wir keine passiven Beobachter unseres Lebens sind, sondern aktiv Anteil nehmen können, ja müssen. Denn das Gericht verlangt eine Mitwirkung von uns, der „Jury“: wie viel von dem, was gerade geschieht, halten wir für gerecht? Und wer darf richten?


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